„Born to be wild“

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„Born to be wild“

Erinnern Sie sich noch an “Easy Rider”, den Kultfilm für Motorradfreaks und Aussteigertypen? Ziemlich am Anfang des Films steigen zwei junge Männer (gespielt von Dennis Hopper und Peter Fonda) auf ihre neu erworbenen und noch glitzernden Harleys, der eine zieht demonstrativ seine Armbanduhr aus und wirft sie weg, und dann geht es los: ab in die grenzenlose Freiheit, fernab von Terminen, Konventionen und kleinkarierter Bürgerlichkeit … Nach dem Aufheulen des typischen Harley-Motor-Sounds wird der Titelsong eingeblendet: “Born to be wild” (ein Song von “Steppenwolf”) – geboren, um wild zu sein.

 

Wilde Männer? Nein danke! Oder doch?

Die Rede von wilden Typen, wilden Männern kann ganz unterschiedliche Assoziationen hervorrufen. Was fällt Ihnen dazu ein? Wollen Sie ein wilder Mann sein?

Die einen denken bei dem Wort “wild” vielleicht an “ungezügelt”, “unbeherrscht” oder “unzivilisiert”. Das möchten wir wahrscheinlich nicht sein, und mit solchen Leuten wollen wir in der Regel nichts zu tun haben. Die anderen denken vielleicht an die positive wilde Energie des Mannes, die ihn vorantreibt, Neues zu wagen, Widerstände zu durchbrechen und aufs Ganze zu gehen. Diese Art von Wildheit finden wir schon eher gut.

Das erste Mal, dass ich auf den Begriff “wilder Mann” stieß, war in einem Buch des Franziskanerpaters Richard Rohr. Für Rohr ist der wilde Mann der zur “echten Männlichkeit” befreite Mann. Das ist für ihn “der Blick über den eigenen Zaun, der Ausbruch aus der eigenen begrenzten Welt, der Kampf für Frieden und Gerechtigkeit …” (S. 20). “Wir müssen, um befreit zu werden, die falschen Werte erkennen, die uns die Gesellschaft ständig eingeredet hat – und ihnen etwas anderes entgegensetzen.” (S. 104)

 

Wilde Männer in einem heiligen Buch

Die Bibel – für Christen die “Heilige Schrift” – ist weit mehr als nur ein harmloses Erbauungsbuch mit Geschichten über “liebe” Menschen. Sie ist voll von wilden Männern, die sich geradezu skandalös verhalten (auf die wilden Frauen gehen wir hier nicht ein). Interessanterweise werden uns diese Männer als Vorbilder im Glauben vorgestellt. Ich möchte hier – exemplarisch – nur drei herausgreifen:

1. Simson (Buch Richter, Kapitel 13-16)

  •  Als junger Kerl zerreißt er einen Löwen, der ihn angreift;
  •  ein anderes Mal fängt er 300 (!) Füchse, bindet je zwei an den Schwänzen zusammen, befestigt dazwischen eine Fackel, und setzt ein riesiges Getreidefeld der Philister – Feinde Israels – in Brand;
  •  oder sein außergewöhnlicher Gebrauch eines Eselsknochens: er nimmt ihn in die Hand und erschlägt damit 1000 (!) Philister.

Das Interessante dabei ist, dass die Bibel diese unkonventionellen Verhaltensweisen des Simson auf den Heiligen Geist zurückführt: “Der Geist des Herrn fing an, ihn zu treiben …” (Ri 13,25) “Und der Geist des Herrn kam über ihn.” (Ri 14,19)

2. Johannes der Täufer

  • Der wilde Mann des Neuen Testaments! Kleidungsstil: Kamelhaare. Hauptspeisen: Heuschrecken und wilder Honig. Aufenthaltsort: die Wüste (Mk 1,6).
  • Johannes ist die Unbequemlichkeit in Person: Er predigt Buße, nennt die angesehenen Pharisäer “Schlangenbrut” (Mt 3,7) und maßt sich sogar an, den König Herodes zurechtzuweisen, weil dieser die Frau des Bruders geheiratet hat (Mk 6,18). Das kostet ihn buchstäblich seinen Kopf!

Gerade dieser wilde Johannes ist der Wegbereiter von Jesus, der von diesem als größter aller Menschen bezeichnet wird (Mt 11,11).

3. Jesus

Das Bild, das uns von Jesus vermittelt wird, ist meist einseitig. Welches Bild kommt Ihnen spontan in den Kopf? Das Bild eines netten jungen Mannes mit blonden Haaren, liebem Gesichtsausdruck und geradezu zärtlichem Verhalten?

Jesus hatte viele Seiten. Seine Wildheit keimt bereits bei dem 12-jährigen Jesus auf, als er während einer Reise nicht schön brav bei seinen Eltern bleibt, sondern diese in helle Aufregung versetzt, weil er plötzlich verschwunden ist. Nein, er ist nicht verloren gegangen, sondern wird nach einer längeren Suche von drei Tagen im Tempel gefunden – heiß diskutierend mit den Theologen seiner Zeit, die kaum mit der Schlagfertigkeit des Knaben mithalten können (Lk 2,41-50).

In einer anderen Szene sehen wir Jesus, wie er – alles andere als friedliebend– Tische umwirft und Leute aus dem Tempel hinauswirft. Jesus als Bodyguard? In gewisser Weise … Er wird wild, da der Tempel als Ort des Gebets von betrügerischen Verkäufern für ihre krummen Geschäfte missbraucht wird (Mt 21,12-16).

 

Kennzeichen wilder Männer

Was ist das Kennzeichen wilder Männer wie z. B. der oben beschriebenen?

Wilde Männer sind

  • Männer, die bereit sind zu kämpfen – nicht in erster Linie für sich selbst, sondern für andere, für eine gute Sache, für Gott;
  • “Aussteigertypen”: Sie sprengen den Rahmen, den andere für sie gesteckt haben, sie klettern aus den Schubladen heraus, in die man sie gesteckt hat, sie steigen aus und tauchen ein in ihre Träume – und setzen sie um;
  • Männer, die sich zur Wehr setzen – dort, wo sie Ungerechtigkeit sehen und Böses, oder wenn Gottes Werte mit Füßen getreten werden;
  • Männer, die unabhängig sind von der Meinung der anderen und die Dinge beim Namen nennen. Der wilde Mann hat deswegen immer auch eine prophetische Komponente: Der Prophet spricht Gottes Wahrheit aus, ganz gleich, ob es erwünscht ist oder nicht. Der Prophet stellt in Frage und nimmt dabei keine Rücksicht auf Titel und Status.

 

Wie werde ich zum wilden Mann?

Wenn Sie bereits ein wilder Mann sind, können Sie hier getrost aufhören, zu lesen. Wenn Sie sich, wie viele andere, noch auf dem Weg dorthin befinden, könnten Ihnen folgende Anregungen weiterhelfen:

  • Machen Sie sich auf eine Entdeckungsreise: Entdecken Sie Ihre eigene Wildheit, spüren Sie ihr nach, lassen Sie sie zu und decken Sie sie auf. Sie haben sich lange genug zähmen lassen. Gerade in christlichen Kreisen hat man Ihnen möglicherweise zu lange weisgemacht, dass Sie nett und brav sein müssten, um Gott zu gefallen. Ich glaube, jeder von uns hat gewisse wilde Anteile in sich, die ihm Gott selbst gegeben hat. Vielleicht entdecken Sie Ihre Wildheit, indem Sie Ihre Träume wieder ausgraben. Wilde Männer sind Träumer, die ihre Träume leben.
  • Fangen Sie mutig an, Ihre Wildheit auszuleben. Wir brauchen Mut dazu, denn wilde Männer stoßen auf Widerstand, Unverständnis oder sogar Ablehnung. Wilde Männer werden Bestehendes und alteingesessene Strukturen hinterfragen; das ist unbequem und macht unbeliebt. Sogar manche Freunde werden uns vielleicht nicht mehr akzeptieren, wenn wir anfangen, wild zu leben. Den Mut könnten Sie sich aus dem Gebet holen: “Gott, schenk mir Mut, meine Berufung zu leben!” “Gott, schenk mir Mut, auszusprechen, was du mir eingibst.”
  • Treffen Sie sich mit wilden Männern. Das müssen nicht gleich Berühmtheiten sein. Es gibt auch in Ihrem Umfeld sicher Männer, die Sie inspirieren könnten. Ziehen Sie sich nicht in Ihr Schneckenhaus zurück.
  • Sie könnten wilde Vorbilder betrachten. Einige finden Sie in diesem Artikel, viele andere finden Sie in der Bibel und in Biographien von wilden Männern (Luther, King, Bonhoeffer u. a.). Lassen Sie sich anstecken von Männern, die sich für andere eingesetzt haben, die alles gegeben haben für einen Traum (King: “I have a dream …”).
  • Sie könnten die Wildheit Gottes in der Bibel studieren. Wir wissen in der Regel, dass Gott Liebe ist, aber wir betrachten zu wenig die anderen Aspekte Gottes, z. B. seinen Zorn (über Sünde und Ungerechtigkeit), seine Eifersucht (2 Mose 20,5) oder seinen Absolutheitsanspruch (“Niemand kommt zum Vater, außer durch mich.”). Die wilden Männer Gottes haben diese Wildheit Gottes erkannt und haben sich davon inspirieren lassen, aber – und das ist ganz wichtig: Sie haben erkannt, dass dieser wilde Gott sie angenommen hat. Wenn wir nur die Wildheit Gottes sehen, z. B. seinen Zorn und sein Gericht, und wir wissen dabei nicht, dass er uns angenommen hat, dann werden wir gesetzlich und hart. Wenn wir aber wissen, dass er uns angenommen hat, können wir in Barmherzigkeit für Gottes Ehre eintreten.

Wild zu sein, bedeutet: Ich höre auf, zu funktionieren (wie ein Zahnrad) und fange an, zu leben (wie ein Organismus) – koste es, was es wolle! Lassen Sie uns damit beginnen!

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Dieter Deppert
Dieter Deppert
4 Jahre zuvor

Gut so. Klasse.
Endlich raus aus der Uniformität des „glatt-gebügelten“ Christen-Mannes.

Eure Betrachtungsweise und Darstellung des Mannes – und seiner von Gott vorgesehenen Stellung – finde ich sehr gut und Mut machend.
Weiterso !!!