Und … Tooor!

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Und … Tooor!

Es laufen die letzten Minuten. Die Mannschaft liegt 2:3 zurück. Ein übler Nachtreter des Gegners, doch der Schiri hat es nicht gesehen. Die Stimmung im Stadion kocht, genauso wie in der Runde vor dem Bildschirm. Und jetzt: ein gewonnener Zweikampf im Mittelfeld, Schalter sofort umgelegt, der Linksaußen startet, die Flanke kommt an, der passt in den Strafraum, der Mittelstürmer kann sich vom Innenverteidiger lösen, erwischt den Ball mit seinem starken rechten Fuß … und: Tooooor!

 

Fußballbegeisterte Frauen

Es gibt tatsächlich Frauen, die sich für Fußball begeistern, zum Beispiel mich! Ich finde es einfach herrlich, wenn die Jungs sich da unten auf dem Rasen schonungslos ins Zeug legen, wenn sie schwitzen, nach einem bösen Faul wieder aufstehen und im Torjubel übereinander herfallen. Ja, ich weiß, was passives Abseits ist. Und ich breche in hemmungslose Bewunderung aus, wie sie „die Räume dicht machen“, „das Tempo bestimmen“ und wie sie mit bloßem Auge abschätzen können, wie weit sie ihren Pass schlagen müssen, um dem Mitspieler genau in den Lauf zu spielen. Ich staune, wie sie in Sekundenbruchteilen schalten, wo wer gestartet ist oder wie sie der Abwehr in den Rücken spielen.

Ich kann nichts dafür, ich bin so erzogen worden: Mein Vater hat jeden Samstag die Sportschau geguckt und mein Bruder und ich bald mit ihm. Mit der Pubertät war es erst einmal vorbei mit dem Interesse. Den Weltmeistertitel 1990 habe ich völlig verpasst. Doch dann kam die EM 1996: Deutschland schlägt sich von Spiel zu Spiel, und meine männlichen Kommilitonen verfolgen das gemeinsam im Studentenwohnheim. Spätestens beim Elfmeterschießen gegen England im Halbfinale packt es mich dann selbst.

Lange hielt ich es, wie eine Kolumnistin einmal in der Brigitte schrieb: Frauen schauen effektiv Fußball. Sie konzentrieren sich auf die großen Turniere, da bekommt man größte Emotionen in kürzester Zeit. Inzwischen verfolge ich sogar die Bundesliga und die Champions- und Europa-League, nicht regelmäßig, sondern wie es sich ergibt. Es entspannt mich einfach, wenn die Fan-Kulisse dröhnt und die wackeren Recken sich auf dem Platz abrackern.

Manchmal schaue ich, ehrlich gesagt, gar nicht richtig hin, sondern genieße mehr die Stimmung. Ein andermal rutsche ich gebannt auf der Stuhlkante hin und her. Die (bisherige) Krönung war das 4:0 gegen Argentinien bei der WM 2010, das genau auf meinen Geburtstag fiel. Meine Party mit Freunden in einem Berliner Biergarten, die Affenhitze dieses Wahnsinnssommers und dann das märchenhafte Spiel der deutschen Mannschaft, alle zwanzig Minuten von einem neuen Tor gekrönt – das wird mir für immer wie ein Traum in Erinnerung bleiben.

 

Schwärmereien

Frauen gucken anders Fußball. Die Jungs auf dem Platz sind keine Vorbilder für mich, eher Objekte meiner Verehrung und – ich gebe es zu – Schwärmerei. Unvergessen meine Begegnung mit einem Pärchen in meiner Berliner Kiezkneipe: Irgendein Deutschlandspiel, die Runde im TV-Raum rückt immer enger zusammen um den großen Holztisch. Ich zu meiner Nachbarin: „Der Arne Friedrich sieht richtig gut aus mit den längeren Haaren!“ Sie leiser (nach einem leichten Seitenblick zu ihrem Partner): „Der kann tragen, was er will!“

Meine Helden sind nicht die Testosteronbolzen wie Cristiano Ronaldo. Eher die stillen, klugen wie Mesut Özil, der Ronaldo die entscheidenden Pässe gibt, oder Messi, über den man ja sowieso nichts mehr sagen muss. Und meine Bewunderung erstreckt sich ebenso auf die männlichen Zuschauer neben mir mit ihren treffenden Kommentaren. Sollen sie sich ruhig ein bisschen aufplustern dabei – ich genieße ihre strategische Wahrnehmung und ihre Einfühlung in Spieler und Trainer (wie der Geschäftsmann auf der „Fressmeile“ am Hamburger Hauptbahnhof, der mir erklärte, warum Thomas Schaaf der einzige Trainer ist, der den Arnautovic hinkriegen kann …).

Liebe Männer, danke für euren Sport! Und danke an alle Männer, die mich mitgucken lassen, obwohl ich damit in ihr letztes Reservat ungezähmter, unkomplizierter Männerkameradschaft eindringe. Dafür kümmere ich mich auch dezent und umsichtig um andere weibliche Mitschauer, die mit der unvermeidlichen Frage auf den Lippen euer Reservat endgültig zu zerstören drohen: „Was war noch mal Abseits?“

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