Sexuelle Erfüllung in der Ehe

Herz
Bild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay

Sexuelle Erfüllung in der Ehe

In einer guten Partnerschaft suchen wir auch sexuelle Erfüllung. Denn schon seit Jahrzehnten gilt Sexualität nicht mehr als eheliche Pflicht, die einer dem anderen schuldig ist. In der davor liegenden Zeit galt Nichterfüllung ehelicher Pflichten, also auch sexuelle Verweigerung, als Scheidungsgrund vor Gericht. Die Bewertung der Sexualität ist inzwischen eine völlig andere geworden. Sie soll nicht mehr Pflicht sein, sondern darf Freude bereiten. Sie ist sogar gut für unsere Gesundheit.

Mann und Frau zusammenführen

Über das Thema Sexualität, das lange Zeit ein Tabu darstellte, traute man sich nicht zu reden, und wenn, dann allenfalls zotig. Für die intimsten Vorgänge gab es entweder wissenschaftliche Fachausdrücke oder Vulgarismen. Begriffe der Umgangssprache fanden sich kaum. Unter den frühen Aufklärern war Oswalt Kolle (geb. 1928, Journalist und zeitweise Filmproduzent) der moderateste. Im Gegensatz zu vielen Achtundsechzigern ging es ihm nicht um die Zerstörung der Familien und der bürgerlichen Gesellschaft; vielmehr wollte er die beiden „unbekannten“ Wesen Mann und Frau zusammenführen, indem er Intimwissen und damit Verstehen füreinander vermittelte. Es ging ihm um den Erhalt und die Vertiefung der Paarbeziehung.

Seither ist der Begriff der sexuellen Erfüllung eine Selbstverständlichkeit geworden. Sexualität ist nicht nur ein biologischer Akt, sondern ein zutiefst seelisches Geschehen. Man verlangt nach der äußeren und inneren Nähe des anderen, will sich austauschen, den Körper berühren und miteinander in die Welt der Zärtlichkeit eintauchen. Wo Seelen (und nicht nur Körper) einander begegnen und miteinander kommunizieren, sollte es keinen Zeitdruck und keine äußeren Störungen geben. So kann Sexualität spielerisch und zum Genuss werden.

Nähe ermöglichen

Eine Frau entwickelt meist dann Lust, sich ihrem Ehepartner zu öffnen, wenn sie zuvor eine innere Nähe zu ihm gespürt hat; dies wird z. B. gefördert, wenn er ihr aktiv zuhört, sich nach ihrem Befinden erkundigt oder sich ihr gegenüber als Gentleman verhält (ihr z. B. die Autotür öffnet mit einem liebevollen Kompliment).

Eine Frau erzählte mal, dass sie intensive Liebe und Sehnsucht nach Nähe zu ihrem Mann entwickelt, wenn er sich liebevoll ihrem kleinen Sohn zuwendet. Für einen Mann undenkbar, so etwas miteinander zu verbinden!

„Willst du das Herz einer Frau, so schenke ihr deine Ohren“, lautet ein weiser Spruch. Die meisten Frauen brechen nicht aus der Ehe aus, weil sie keinen Sex bekommen, sondern weil ihnen die Zuwendung und das Angenommensein fehlen. Wer als Mann seine Frau zu überzeugen versucht, dass nur er Recht hat, hat sie schon verloren. Sex beginnt für die Frau mit dem Gefühl der Geborgenheit, des Ernstgenommenwerdens, der Wertschätzung. Wer als Mann seine Frau zu Techniken überredet, die sie nicht mag, wird feststellen, dass ihr Interesse an gemeinsamer Nähe gering wird. Sie will nicht als Sexobjekt behandelt werden.

Aufeinander abstimmen

Je nach Vorerfahrung, Erziehung und Prägung bringt jeder andere Vorstellungen über die Sexualität mit. Darüber gilt es zu sprechen und sich abzustimmen, so dass sich Gemeinsamkeiten herausbilden können. Dies bleibt auch während der Ehe eine ständige Aufgabe, da mancher Präferenzen entwickelt, die der Partner nicht mag. Beispielsweise ist in den vergangenen Jahrzehnten eine große Offenheit entstanden, auch außerhalb der „Missionarsstellung“ (Mann liegt auf Frau) weitere Varianten auszuprobieren: Vieles wird versucht und wieder aufgegeben, weil es nur vorübergehend – und vielleicht nur für einen der beiden – reizvoll war. Manche Paare sind neugierig und wechseln immer wieder die sexuellen Stimulationen. Andere bleiben bei der Vorgehensweise, die ihnen vertraut ist und die beiden Freude bereitet. Auch muss die Initiative zur sexuellen Begegnung nicht immer von demselben Partner (häufig dem Mann) ausgehen; es ist durchaus reizvoll, wenn der Passivere mal aktiv wird und den anderen einlädt oder gar verführt.

Um die Zyklusmitte ist die Frau am meisten offen. Östrogen ist der so genannte Stimmungsmacher der Frau und am stärksten in der fruchtbaren Zeit vorhanden. Oft empfindet der Mann in dieser Zeit auch eine besondere Freude am Zusammensein.

In der Regel hat die Frau einen längeren Weg, um zum Orgasmus zu kommen. Da sie in ihrem Kopf ständig Gefühle sortiert, braucht sie oft Zeit, um sich auf körperliche Nähe einzustellen. Sie ist quasi eine Fußgängerin in punkto sexueller Einstimmung. Die Berührung durch den Mann empfindet sie manchmal wie einen Fremdkörper, den sie immer wieder neu als zu sich gehörig einordnen muss. Je liebevoller der Mann seiner Frau begegnet, um sie einzustimmen, um so mehr kann sie ihre innere „Haustür“ öffnen. Der Vorgarten muss umgegraben werden, bevor sie auf das Läuten antwortet. Wer als Mann gleich zeigt, dass er „nur auf das Eine hinarbeitet“, wird möglicherweise keine aktive Partnerin haben, sondern nur eine, die ihn erduldet, um ihn nicht zu verlieren. Sexuelle Erfüllung ist etwas anderes! Frauen wollen als ganze Person geliebt werden, nicht nur an den Stellen, die dem sexuellen Reiz dienen.

Sexuelle Zuwendung

Die Medien suggerieren uns: Ein Mann kann immer! Also muss es mit ihr zu tun haben, folgert die Frau, wenn er sich nicht für Sex interessiert. Es gibt aber Männer, die eine nur schwach entwickelte Libido haben. Dass auch Stress, Krankheiten und Nebenwirkungen von Medikamenten eine Rolle spielen, wird oft übersehen.

Das Problem ist: Wenn eine Frau keine sexuelle Zuwendung bekommt, fühlt sie sich nicht attraktiv. Sie empfindet sich nicht als schön und meint, das mangelnde Interesse des Mannes hänge mit ihrem Aussehen zusammen. Frauen, die sich in der Ehe nach sexueller Nähe und Erfüllung sehnen und diese nicht erfahren, fühlen sich häufig zu Männern hingezogen, die ebenfalls in diesem Bereich zu kurz gekommen sind. Das kann leicht zu Ehebruch führen.

Es geht um das Herz

Manche Paare lieben es, schnell und heftig einzusteigen und für den ganzen Vorgang nur eine Viertelstunde zu veranschlagen. Andere lassen sich Zeit, man streichelt einander, sagt Lobendes und Lockendes, d. h. man baut eine positive erotische Stimmung auf. Die Berührungen des Körpers tun ihr Übriges. Die Haut empfängt die Signale und gibt sie als Botschaft an die Seele weiter.

Wenn Frauen nur schwer zum Orgasmus kommen, ist es wichtig, dass das Vorspiel lange genug dauert und der Mann sich in dieser Zeit liebevoll darum bemüht, die Lust seiner Frau zu steigern. Zur Vermeidung des verfrühten Samenergusses sollte der Penis nicht allzu früh in die Scheide eingeführt werden.

Es gibt zwar erogene Zonen, aber der wichtigste Bereich ist das Herz. Sexualität darf nicht nur biologisch oder mechanisch ablaufen wie eine Turnübung, sondern soll Ausdruck von Freude und tiefer Sehnsucht sein. Diese sind dann am stärksten, wenn die Liebe groß ist. Sie ist die Basis für ganzheitliche sexuelle Erfüllung. So ist also das Herz (die Psyche) der wichtigste erogene Bereich.

Wer Sexualität als einen Akt der Hingabe lebt und sich dabei seinem Partner schenken will, wird diesen Bereich der Ehe als einen Ort der Geborgenheit erleben. Wer hinhören lernt, was der andere braucht, ihn einlädt, ohne ihn zu bedrängen, sich ihm zuwendet, wird Sexualität ganzheitlich erfahren: den ganzen Menschen in seiner Einzigartigkeit erkennen und schätzen lernen, auch wenn er/sie ganz anders ist.

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