Kann man zu viel lachen?

Lachen
© christian buehner / unsplash.com

Kann man zu viel lachen?

Humor hält fit – und ausgiebiges Lachen ist gesund für Körper und Seele. Schon in der Bibel können wir lesen: „Ein fröhliches Herz tut dem Leib wohl, ein bedrücktes Gemüt lässt die Glieder verdorren.“ (Sprüche 17,22). 

Lachen ist gesund

Es ist wissenschaftlich gesichert, dass Lachen entspannt und Stress verhindern kann. Schon ein bloßes Lachen wirkt sich positiv auf die Blutzufuhr im Gehirn aus. Bei einem richtigen Lacher erreicht der Atem rund 100 km/h, und damit erhöht er den Gasaustausch in der Lunge um das Drei- bis Vierfache. Häufiges Lachen (und Sinn für Humor) hat einen positiven Einfluss auf Herz und Gefäße. Lachen stärkt das Immunsystem, der Blutdruck wird gesenkt. Killerzellen vermehren sich, die Krebszellen, Bakterien und Viren werden attackiert, Schmerzen werden vermindert, die Verdauung und der Kreislauf werden angeregt. Und ganz nebenbei ist Lachen effektiver als Joggen, trainiert das Lachen doch sage und schreibe 240 von insgesamt 630 Körpermuskeln. 

In einer Studie verglichen Wissenschaftler den Humor von 150 Personen, die entweder an einem Herzinfarkt litten oder sich einer Bypass-Operation unterzogen hatten, mit dem von 150 Personen gleichen Alters ohne Herzprobleme. Das Ergebnis zeigte, dass Herzpatienten um 40 % seltener lachten als ihre gesunden Altersgenossen, die gerne und in vielen Situationen lachten. 

Die deutschen Lach-Tatsachen stimmen trotz des Booms von Comedyshows traurig: Eine Untersuchung hat ergeben, dass Kinder bis zu 500-mal am Tag lachen – aber die werden schnell gebremst: „Was gibt’s denn da zu lachen?!“ Der durchschnittliche Erwachsene lacht nur noch 20-mal täglich, insgesamt etwa 6 Minuten lang – Frauen etwas mehr. 

Zitronen-Christen

Manchmal, wenn ich in einem Gottesdienst einen Witz mache und die Zuhörer lachen, sage ich: „Bitte jetzt nicht lachen, das ist eine christliche Veranstaltung!“ Manche gucken mich dann etwas komisch an und sind verunsichert, ob ich das jetzt ernst oder ironisch meine …

Haben Christen etwa nichts zu lachen? Muss man sich erst eine rote Pappnase aufsetzen und zehn Promille Blut im Alkohol haben, um lachen zu können oder zu dürfen? Manchmal hätte ich Lust, im Kölner Dom oder in einer anderen ehrwürdigen Kathedrale unter der Bank einen Lachsack zu starten. Wie würden die Leute wohl darauf reagieren?

Der Philosoph Friedrich Nietzsche, ein überzeugter Atheist,  hat mal gesagt: „Die Christen müssten erlöster aussehen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte“. Nietzsche hatte lange genug die christlichen Zeitgenossen damals beobachtet und wenig Faszinierendes in ihren Gesichtern gesehen. – Ist es nicht komisch, dass wir als Christen so viel von Freude singen und gepredigt bekommen, aber so wenig davon ausstrahlen? Warum laufen wir Christen manchmal herum, als hätten wir den ganzen Tag Zitronen gelutscht? Wenn man uns betrachtet, könnte man den Eindruck gewinnen, Jesus hätte gesagt: „Leute, jetzt ist Schluss mit lustig. Jetzt beginnt der Ernst des Lebens! Wer will in den Himmel? Also, reißt euch zusammen!“ 

Lachen als etwas Geistliches

Lachen ist bei vielen Menschen keine geistliche, sondern eine emotionale Angelegenheit. Es ist immer wieder faszinierend, mit welcher Perfektion Gemeindechöre beim Vortragen ihrer Lieder diese Wahrheit praktizieren. Keinem entgleisen auch nur ansatzweise die Gesichtszüge zu einem Lächeln. Eine ähnlich verinnerlichte Freude habe ich mal in einer Gemeinde erlebt, die mich an die Kostbarkeit von Fossilien erinnert hat. Alles an ihr schien erstarrt. Da saßen die Christen vor mir mit versteinerten Mienen, nach dem Motto: „Wer lacht, hat verloren“. Als während meiner Ausführungen eine Frau unvermittelt auflachte, habe ich sie scharf ins Auge gefasst. Ich wollte sie später ansprechen. Nun, die Dame war nur zu Besuch in dieser Gemeinde. Kein Wunder, dass sie noch lachen konnte!

Früher hielt ich ja manche Pastoren für unsichere Leute. Heute weiß ich, dass ihr Sichtfeld zur Gemeinde am Sonntagmorgen wirklich zur persönlichen Mutprobe werden kann. Einige grimmige Gesichter würden mit gelifteten Mundwinkeln und christlicher Milde im Blick weitaus weniger bedrohlich wirken.

Biblische Freude 

Genau 26-mal ist in der Bibel vom Lachen die Rede. Allerdings 12-mal negativ, wie in der berühmten Geschichte von der alten Frau Abrahams, als die Boten Gottes ihr eine Schwangerschaft voraussagen: „Da lachte Sarah bei sich selbst und dachte, da ich welk bin, soll mich noch die Liebeslust ankommen? Aber der Herr sprach zu Abraham: Warum lacht Sarah? Ist irgendetwas unmöglich bei Gott?“ (1 Mose 18,12) – Solch ungläubiges Kichern muss die Theologen der ersten Jahrhunderte zu der Annahme veranlasst haben, nur die heilige Scheu und das betroffene Schweigen seien angemessene Reaktionen auf Gottes Reden.

Angesichts der Würde und Allmacht Gottes verbiete sich auch nur ein Zucken um die Mundwinkel. Dabei hätten die Herren Theologen nur drei Kapitel weiterlesen müssen. Dort wird Sarah beschrieben, wie sie lacht und sich freut – an Gott und an dem Kind, das sie dann doch noch bekam. An einer anderen Stelle können wir lesen, wie das Volk Gottes singt: „Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein“. (Ps 126,2) 

Freude vs. Angst

Freude erfüllt den ganzen Mensch und reißt ihn mit. Im Gegensatz dazu führt ein freudloser Mensch ein „unbewegliches“ Leben. Er weiß nicht, was es heißt, vor Freude zu tanzen, ganz aus dem Häuschen zu sein. Freude und Bewegung gehören offenbar unmittelbar zusammen. Der Gegenbegriff zur Freude ist die Angst. Angst kommt von Enge. Freude dagegen führt in die Weite. Freude bleibt nicht allein. Freude äußert sich in Singen, Lachen, Jubeln, Loben. Wo Freude aus dem Blick gerät, geht auch die Hoffnung verloren. Da werden Menschen schwer und unbeweglich. 

Echter Humor

Wo Freude und Lachen vorkommen, fühlen sich Menschen wohl. Humor und Heiterkeit gehören zur Grundstimmung des Lebens, und das hat viel mit Gelassenheit und Weisheit zu tun. Und damit meine ich nicht die Klassen-Clowns oder Menschen, die mit einer großen Klappe alles künstlich auf sich ziehen. Dies hat oft wenig mit Humor zu tun, auch wenn es vordergründig und auf den ersten Blick so aussieht. Da stecken viel eher Minderwertigkeitsgefühle dahinter.

Humor gehört unabdingbar zum Wesen eines Mannes und ganz besonders zu uns Christen. Er baut Spannungen ab und kann wie Medizin wirken, wo jede andere Methode auf Widerstand stößt oder zu größerer Empfindlichkeit führt: Humor ist der Knopf, der verhindert, dass der Kragen platzt. Humor kann in vielen Situationen genau das richtige Werkzeug sein, wenn es nicht als Waffe missbraucht wird. Mit Humor kann ich die nötige Verbundenheit und Nähe schaffen. Freude ist anziehend, das Gegenteil davon ist Gesetzlichkeit, Verkrampftheit oder eine Nüchternheit, die eher tödlich wirkt. 

Nahkampfwaffen oder Selbstliebe?

Welche Grund-Atmosphäre herrscht in Ihrem Leben, in Ihrer Ehe, Familie und Arbeit? Nüchternheit, Verkrampftheit, Gesetzlichkeit, Härte, Dienst nach Vorschrift – oder Gelassenheit, Heiterkeit, Leichtigkeit, Ausgelassenheit, Barmherzigkeit?

Satire und Ironie bleiben oft „Nahkampfwaffen“, eingesetzt aus Verachtung und Notwehr, geboren aus Verletzungen. Humor aber verbindet, schafft Nähe, überbrückt Distanz. Humor ist nach der Definition des Dudens die „Gabe des Menschen, der Unzulänglichkeit der Welt und des Menschen, den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen“. Ein Musterbeispiel dafür ist Alt-Bundespräsident Johannes Rau. Als er nach einer der üblichen politischen Mammutsitzungen nach deren Verlauf gefragt wurde, sagte er den Journalisten: „Lest Apostelgeschichte 19,32!“. Nachdem jemand auf die Schnelle irgendwo eine Bibel besorgte hatte, konnte man dort Auskunft bekommen über die politische Versammlung: „Dort schrien die einen dies, die andern das; denn in der Versammlung herrschte ein großes Durcheinander, und die meisten wussten gar nicht, weshalb man überhaupt zusammengekommen war.“

Sich selbst lieben

Wirklicher Humor, also ein Humor, der positive Auswirkungen hat, entspringt zuerst, so komisch das auch klingen mag, aus einer richtig verstanden Selbstliebe. Ich muss beginnen, mich selbst als komisch zu betrachten, über mich selbst lachen zu können und mich damit selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Denn die Erkenntnis, dass das Diesseits nicht alles ist und dass sich die ganze Welt nicht um mich dreht, schenkt unendliche Gelassenheit.

Bringen Sie doch mal an ihren Spiegel ein kleines Zitat aus der Bibel an. Und wenn Sie sich dann morgens zum ersten Mal im Spiegel sehen, lesen Sie: „Ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe“! (Prediger 9,4)

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
1 Kommentar
Oldest
Newest
Inline Feedbacks
View all comments
Mario Christ
Mario Christ
1 Monat zuvor

Danke Arno für Deinen Artikel und den Humor, den Du immer wieder in die Welt bringst. Hier bist Du mir ein Vorbild. Ich übe mich aus seit Jahren darin, immer mehr über mich selbst zu lachen. Sich ernst zu nehmen und sich nicht so ernst zu nehmen muss sich nämlich nicht widersprechen 😉 Dein Beitrag erinnert mich wieder darn, dass auf meiner ‚Löffelliste‘ steht, dass ich dahin kommen möchte, bei jeder Gelegenheit (außer an Fasching oder bei Beerdigungen) souverän eine Clownsnase tragen zu können. Sei es im Alltag zu Hause, beim Einkaufen oder auf der Bühne bei einem Vortrag, bei… Weiterlesen »

Last edited 1 Monat zuvor by Mario Christ