Gelingendes Leben

© Bruno Martins / unsplash.com

Gelingendes Leben

Seit nunmehr 25 Jahren arbeite ich mit alten und hochbetagten Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen. Je nach Weltanschauung stehen sie an der Schwelle zur Endlichkeit oder Ewigkeit. Menschen mit jahrzehntelanger Biografie, Menschen, die an ihrem Lebenshaus tagtäglich gebaut haben und nun dabei sind, dieses Lebenshaus zu vollenden oder aber auch unvollendet zurückzulassen. 

Lebenshäuser mit einer Biografie und Geschichte, die einzigartig ist, voller Erfolgserlebnisse und Dankbarkeit, aber auch voller Misserfolge und Begebenheiten, die oft unbearbeitet und unverändert zurückbleiben. 

Prägende Biografien 

Biografien, in denen falsch abgebogen wurde; Biografien voller Schuld und Sünde, die nie ausgesprochen und bekannt wurden; Biografien, in denen Vergebung bislang keinen Platz hatte.

Die berühmten Leichen im Keller, die Familiengeheimnisse, die nie bekannt werden sollten. Sie liegen oft lange zurück, sind scheinbar vergessen, aber doch im Alter immer wieder präsent und quälend. Viele Verhaltensweisen und Persönlichkeitseigenschaften – oftmals als skurril und dem Alter zugesprochen abgetan – lassen sich bei näherem Hinsehen mit biografischen Erlebnissen und traumatischen Erfahrungen zumindest ansatzweise erklären.

Kein perfektes Leben

Immer wieder muss ich dann an Sören Kierkegaard, den dänischen Philosophen denken, dem das Zitat „das Leben wird noch vorwärts gelebt, aber nach rückwärts verstanden“ zugesprochen wird. Wie oft würden diese Menschen noch einmal neu anfangen wollen, andere Akzente setzen, ungeklärte Angelegenheiten in Ordnung bringen oder Beziehungen klären.

Und wir, und ich, die wir teilweise noch in der Mitte oder gar noch am Anfang unseres Lebens stehen und eifrig am Bau unseres Lebenshauses sind, was können wir, was kann ich konkret von diesen Menschen lernen?

Einige Aspekte sind mir für mich und mein Leben dabei wichtig geworden: Es gibt kein perfektes Leben, Brüche in der Biografie sind (leider) „normal“. Daher ist es sinnvoll, immer wieder innezuhalten und sich Zeit zu nehmen, sich kritisch mit seiner Biografie, seinen Entscheidungen und Beziehungen auseinanderzusetzen, immer wieder zu reflektieren, was gelungen ist und was nicht gelungen ist, den Mut zu haben, Schuld zu bekennen, um Vergebung zu bitten, aber auch Vergebung zuzusprechen.

Trauer und Wut zulassen

Man muss dazu bereit sein, Beziehungen zu klären, aber auch Abschied von unguten, belastenden Beziehungen zu nehmen (wobei erst einmal nicht die Ehe gemeint ist – dafür lohnt es sich meistens dann doch noch einmal in die Beziehung zu investieren!). 

Trauer und Wut zulassen, Ungeklärtes an Gott abgeben, dessen Sohn auch dafür am Kreuz gestorben ist.

Trauer und Wut zulassen, wenn Lebensziele nicht erreicht wurden. Trauer und Wut zulassen, wenn Träume zerbrechen.

Trauer und Wut zulassen, wenn Krankheit Lebenswege durchkreuzt.

Gelingendes Leben 

Gelingendes Leben zeichnet sich dadurch aus, dass man bereit ist, sein eigenes Leben vom Ende her zu denken, um im Hier und Jetzt die Weichen neu stellen zu können. 

Gelingendes Leben zeichnet sich dadurch aus, seine Vergangenheit und Biographie kritisch zu betrachten und um Vergebung zu bitten und Vergebung zugesprochen zu bekommen, aber auch dem Nächsten Vergebung zuzusprechen.

Gelingendes Lebens zeichnet sich dadurch aus, sich immer wieder neu mit Gott zu verbinden und seinen Segen anzunehmen.

Gelingendes Lebens zeichnet sich dadurch aus, zu überlegen, welches Erbe man hinterlassen will und wie man sich an einen erinnern soll.

Gelingendes Leben zeichnet sich dadurch aus, sich gedanklich am Ende des Lebens zu sehen und die Perspektive zurück einzunehmen und somit das Leben vom Ende her zu denken.

Ich wünsche dir die Kraft und den Mut, mit Gott und vor Gott innezuhalten und dein bisheriges Leben zu reflektieren und sich dann neu auf ihn auszurichten.

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