„Es wird heute später, Schatz!“

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„Es wird heute später, Schatz!“

„Es wird heute später, Schatz!“ – Das rief mir mein Herz-Allerliebster noch schnell zu, während er fluchtartig zu Jacke und Schal griff, um dann im Eilschritt auf die Bahn zu sausen. „Na prima“, denk’ ich. Wie raffiniert! So flott und locker die Ansage machen und dann schnell weg, damit ich auch ja keinen Kommentar dazu abgeben kann. Der wäre wahrscheinlich nicht gerade freundlich ausgefallen. Ich war weit weg von der Friedlichsten und Freundlichsten aller Ehefrauen. In diesem Moment wollte ich sie auch gar nicht sein. Viel eher: „Nett kann ich auch, bringt aber nix!“

Was kann Frau (und auch Mann) in solchen Situationen tun? Kommen solche Sätze lediglich hin und wieder vor, oder sind sie schon Routine, Alltag, ein Lebensstil geworden? Handelt es sich quasi um eine Kleinigkeit, eine einfache Information, die nicht mehr und nicht weniger ist? Es ist fraglich, ob ich auf diesen Satz entspannt antworten könnte: „Okay, ist gut. Was denkst du, wie spät wird es werden?“ Liegt hier nicht eher ein Kommunikationsproblem – und vielleicht sogar noch mehr – zugrunde?

Miteinander reden

Ich lese nach bei Oskar Holzberg in seinem Buch „Schlüsselsätze der Liebe“. Seit mehr als 20 Jahren ist er als Paartherapeut tätig. Er stellt fest: „Eine langjährige Liebesbeziehung ist ein zwischenmenschlicher Hindernisparcours, der so schwierig ist, dass viele Paare dabei ins Straucheln geraten.“ „Aha“, denke ich, „Hindernisparcours“ – also nicht immer so einfach, auch anstrengend. Ich will nun vom Autor erfahren, was Mann und Frau tun können, um eben nicht zu stolpern: „[…] es ist notwendig, ganz klar auszusprechen, was gemeinsam beschlossen wurde. […] Wir müssen miteinander sprechen, um einander zu verstehen“

Dachte ich es mir doch: Es führt kein Weg daran vorbei, miteinander zu reden, und das sollte möglichst eindeutig und konkret geschehen! Doch zuerst blicke ich noch einmal zurück: Was war da gerade geschehen?

Es ist ein ganz normaler Wochentag: ein kurzes, gemeinsames Familienfrühstück; Austausch über dies und das. Stimmung: ganz entspannt. Dann brechen alle Familienmitglieder in ihr jeweiliges „Schlachtfeld“ auf. Für einen liebevollen Abschiedskuss, der auch nach mehr als 33 Jahren Ehe immer noch schön und wohltuend ist, bleibt heute keine Zeit. Stattdessen bekomme ich zu hören:„Es wird heute später, Schatz!“ Zurück bleibt Frau, die die nächsten Stunden Haus, Hof, Garten und Kirche managt. Ja, was war denn das? Ein bisschen fühle ich mich wie im falschen Film. Mir wird durch mein „grummeliges“ Gefühl bewusst: Wir müssen reden – bevor aus der Mücke ein Elefant wird und die Innigkeit unserer Beziehung Kratzer bekommt.

Gott als der Dritte im Bunde

„Zwei sind besser daran als ein Einzelner, weil sie einen guten Lohn für ihre Mühe haben. Denn wenn sie fallen, so richtet der eine seinen Gefährten auf. Wehe aber dem Einzelnen, der fällt, ohne dass ein Zweiter da ist, ihn aufzurichten! Auch wenn zwei beieinander liegen, so wird ihnen warm. Dem Einzelnen aber, wie soll ihm warm werden? Und wenn einer den Einzelnen überwältigt, so werden doch die zwei ihm widerstehen; und eine dreifache Schnur wird nicht so schnell zerrissen (Pred 4, 9-12).“

Diese Verse haben wir uns für unsere Trauung ausgewählt. Einmal mehr staune ich über Gottes Weisheit und Voraussicht: Er stellt uns jemanden zur Seite! Offensichtlich weiß er, dass unser irdisches Leben so manche Herausforderung für uns bereithält. Und er selbst ist der Dritte im Bunde – welche Zusicherung!

Als Mann und Frau mögen wir unterschiedliche Arbeitsbereiche haben. Doch wir sind einander als Gefährten zur Seite gestellt. Dafür lohnen sich Engagement und Einsatz, Anstrengung und Verzicht.
„Es wird heute Abend später, Schatz!“ – Bevor negative Gefühle und Gedanken den Tag verdüstern, erinnere ich mich an das Bild der dreifachen Schnur und entscheide mich „im Falle des Zweifels für den Angeklagten!“

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