„Liebling, rede doch mit mir!“

© fizkes / fotolia.com

„Liebling, rede doch mit mir!“

Demonstrativ drehe ich mich im Bett um. Ich bin müde! Doch er redet einfach weiter. Mit halbem Ohr höre ich zu, brumme etwas Unverständliches und döse langsam ein. Auch wenn ich mich ein wenig ärgere, dass ich nicht in Ruhe einschlafen kann, überwiegt – wenn ich zurückdenke – doch die Dankbarkeit in mir.

Lange her sind die Zeiten, in denen mein Mann mir einsilbige Antworten auf meine Fragen gab. Auch wenn ich ihm ansah, dass es in seinem Inneren „arbeitete“, ließ er mich doch nur selten teilhaben an seinen Gedanken. Erst mit Fragen wie „Bist du jetzt wütend, gekränkt oder entmutigt?“ oder liebevollem Nachbohren kam ein wenig von dem zutage, was bereits in seinem Kopf und Herzen war.

Der Mann und „seine Höhle“

Ich erinnere mich noch gut an unsere ersten Ehejahre, in denen er mir erklärte, dass ein Mann ab und zu „in seine Höhle“ verschwinden müsse, um sich selbst über das klar zu werden, was in ihm vorging. Wie sehr hatte ich mit diesen Zeiten zu kämpfen, in denen er sich zurückzog und mich aus seiner Männerwelt ausschloss! Zu gern hätte ich mit ihm geredet, mehr erfahren davon, wie er die Welt wahrnahm. Warum nur war mein Mann so kompliziert? Warum nur musste er stunden-, manchmal tagelang über das nachdenken, was in ihm brodelte?

In dieser Zeit wurde mir bewusst, dass ich – im krassen Gegensatz zu ihm – oft erst ein Gegenüber brauche, um die Gefühle und Gedanken in mir zu sortieren. Ich denke beim Reden – was manchmal natürlich auch daneben gehen kann –, brauche diesen Austausch, dieses Auf-mich-eingehen, den Spiegel, den mir der andere vorhält. So anders war mein Zugang zu meinem Inneren als der meines Mannes, dass mir immer öfter der Spruch in den Sinn kam: „Männer und Frauen sind so verschieden. Es grenzt an ein Wunder, dass sie sich überhaupt verstehen!“

Es war ein längerer Weg für mich zu akzeptieren, dass mein Mann anders war – und trotzdem in Ordnung! Seine Höhlenzeiten waren wichtig für ihn; ich lernte, sie ihm zu gönnen (wenn auch manchmal zähneknirschend). Genauso wie er sich auf mich einließ, sich Zeit nahm und mir zuhörte, wenn ich abends von der Arbeit nach Hause kam oder mich nach einem Tag allein mit den Kindern nach Austausch sehnte.

Stetige Kommunikation

Gott hat uns die Gnade geschenkt, über Missverständnisse, Unterschiede und gegenseitiges Versagen zu reden. So manches Mal durfte ich um Vergebung bitten und auch selbst vergeben. Eines jedoch haben wir mit Gottes Hilfe immer getan: weiterreden! Denn was uns noch schlimmer vorkam als miteinander zu kämpfen und aneinander vorbei zu reden war zu schweigen.

Inzwischen ist es mein Mann, der von uns beiden weitaus mehr redet als ich – nicht nur abends im Bett! Er beantwortet sogar Fragen wie: „Und wie fühlst du dich gerade?“, ohne mir das Gefühl zu geben, das wäre Frauenkram. Oft erlaubt er mir einen Blick direkt in sein Herz und gibt mir Anteil an seinem Denken und Fühlen. Nein, wir haben auch jetzt noch keine perfekte Kommunikation, wir reden noch manchmal aneinander vorbei, und ab und zu denke ich: „Warum kann er nicht einfach so sein wie ich?“

Aber wir erleben auch immer öfter tiefe Gespräche, die unser Miteinander stärken. Es gelingt uns besser, den anderen in seiner Unterschiedlichkeit stehen zu lassen. Wir haben einen Weg gefunden, immer wieder auf den Kommunikationsstil des anderen einzugehen. Und für diesen Schatz bin ich auch gerne bereit, am nächsten Morgen manchmal unausgeschlafen aufzuwachen …

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei