Aus der Traum

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Aus der Traum

„Ihr wart doch immer das Traumpaar! Nach außen hat immer alles so schön gewirkt“, zitierte einer der Männer seine Freunde. Und dann beschrieb er, wie wenig der schöne Schein ihm half, tatsächlich in seiner Ehe zu leben. Dabei war immer alles ganz harmonisch gewesen. „Wir haben uns zu Tode geschont“ hörte ich einen anderen mit einem Seufzer seine gerade zerbrochene Beziehung kommentieren.

Wir saßen im Kreis auf dem Boden – zwölf Männer, die etwas sehr Radikales taten: Sie sprachen ganz offen und ehrlich über sich selbst und ihre Beziehungen. Mir ging meine eigene Geschichte durch den Kopf, die gar nicht so anders war. Und bei der es genauso eine Außen- und eine Innenansicht gibt.

Glückliche und schwierige Jahre

Meine Frau und ich hatten jung geheiratet, und alle waren der Meinung, wir würden ja so gut zusammenpassen. Es folgten glückliche Jahre und schwierige Jahre. Die Kinder kamen, mit allem, was Kinder halt so für eine Beziehung bedeuten: Staunen, Schlafmangel, liebevolle Momente und blanke Nerven. Wir waren in der Gemeinde engagiert und trugen sogar Leitungsverantwortung. Uns war klar, dass wir zusammen mit Jesus den Rest unseres Lebens teilen würden.

Aber da gab es diese Dinge, über die wir nie gesprochen hatten: Nervige Punkte, die immer wieder bei alltäglichen Situationen zum Vorschein kamen, die wir immer wieder mit immer demselben Ergebnis besprachen und sie dann sein ließen, bis zum nächsten Mal. Erwartungen, die jeder von uns an sich selbst hatte und irgendwie auch an den anderen. Und nagende Fragen, die aus der eigenen Lebensgeschichte kamen und auf die es nie eine wirkliche Antwort gegeben hatte. Die manchmal so Furcht einflößend waren, dass man sie nicht mal denken konnte. Daraus entstand viel Frust, der bei mir auch schon mal in eine zynische Bitterkeit kippte.

Der Crash kam, nachdem ich meine Arbeit verloren hatte. Es begann eine Zeit, in der ich vieles in meinem bisherigen Leben in Frage stellte. Die vielen Spannungen, die es unter der Oberfläche unserer Ehe schon so viele Jahre gegeben hatte, brachen auf einmal offen hervor. Es herrschte Eiszeit in der Familie. Und wenn wir auch versuchten, die Risse zu kitten, so wurden sie doch immer größer und breiter. Die Kinder wollten wir raus halten, aber sie spürten auch ohne Worte die Dauerspannung im Raum.

Alles aus?

Als meine Frau über Trennung sprach, hatte ich echte Angst. Noch nie in meinem Leben hatte ich allein gelebt, und mich als guter Christ zu trennen – das hatte ich mir nie vorstellen können! Ich sah mich schon allein in einer Wohnung vor mich hingammeln. Meine gläubigen Freunde würden mit dem Finger auf mich zeigen, und ich wäre sozial völlig isoliert. Gott würde sich von mir abwenden.

Nichts davon ist eingetreten. Die Trennung empfand ich als heilsam, sowohl für mich, als auch für meine Frau, und in gewisser Weise auch für die Kinder. Sicher empfanden sie beides, Schmerz und Erleichterung. Natürlich hätten sie gerne eine intakte Familie; aber die Spannungen vorher fanden sie auf jeden Fall schlimmer als die Trennung und haben mehr darunter gelitten. Und ich für meinen Teil stelle durch den Abstand fest, dass die Beziehung zu ihnen bewusster geworden ist. Ich bin halt nicht einfach „da“, sondern muss bewusst etwas mit ihnen zusammen machen.
Eine Trennung ist schmerzhaft und belastend; aber zusammen zu bleiben, ist offenbar auch nicht das Allheilmittel. „Es kann doch nicht Gottes Wille sein, dass sich zwei Menschen bis an ihr Lebensende miteinander quälen, nur weil sie nicht zusammenpassen,“ meinte meine Frau einmal.

So leben wir also getrennt, jetzt wieder als Freunde. Wie die Geschichte ausgeht, ist noch offen. Sicherlich aber nicht mit einer Patentlösung.

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Dieter Deppert
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Dieter Deppert

Danke für die ehrlichen und offenen Worte, das gibt zum Nachdenken…..