Warum Männer die Kirche meiden

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Warum Männer die Kirche meiden

Carsten hat einen guten Job. Er liebt seine Frau und seine Kinder, auch wenn die Arbeit oft Vorrang vor der Familie hat. Carsten sucht den Erfolg, fährt schnelle Autos und trinkt gerne einen guten Rotwein. Nur für Kirche und Gemeinde kann er sich nicht begeistern. Er meint, das sei etwas für Kinder, Frauen und alte Menschen. Er findet Kirche langweilig, nichts sagend, harmlos.

Das ist kein neues Phänomen. Bereits im 18. Jahrhundert schrieb Charles Haddon Spurgeon (1834 – 1892): „Es besteht die allgemeine Meinung, um Christ zu werden, müsse man alle Männlichkeit über Bord werfen und ein Schwächling werden.“ Ist das nicht etwas weit hergeholt? Schließlich dominierten doch Männer zwei Jahrtausende lang die Kirche: Männer schrieben die Bücher des Neuen Testamentes, Priester sind immer noch Männer, auch in den Gemeindeleitungen treffen wir vorwiegend auf Männer.

Bereits ein oberflächlicher Blick auf die Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zeigt, dass in den oberen Leitungsebenen Männer zwar in der Mehrzahl sind, im Bereich der Gemeindearbeit dagegen der Frauenanteil deutlich höher ist. In der EKD engagieren sich 70% Frauen ehrenamtlich, bei den Angestellten liegt der Frauenanteil bei 77%. Und 2.900 Männerkreisen stehen mehr als 15.000 Frauenkreise gegenüber!

David Murrow kommt in seinem Buch „Why Men hate going to Church“ (Warum Männer es hassen, in die Kirche zu gehen) zu folgendem Ergebnis: „Im Rückblick auf die letzen 100 Jahre findet die Forschung in den Kirchen von England, Spanien, Deutschland und Frankreich ein Muster männlicher Abwesenheit.“ Sein Fazit: „Die Geistlichkeit ist ein Männerklub. Aber jeder andere Bereich des kirchlichen Lebens wird von Frauen dominiert. Wo immer eine große Anzahl von Christen sich versammelt, sind die Männer nie in der Mehrheit. Mit Ausnahme von Männertagungen und Pfarrerkonferenzen können wir uns keine größere Zusammenkunft von Christen vorstellen, welche mehr Männer als Frauen anzieht.“

 

Die Verweiblichung der Kirche

Ich sehe vor allem zwei Gründe für die männliche Abwesenheit in der Gemeinde:

1. Die einseitige Betonung von Beziehung und Intimität


„Lass uns Gemeinschaft miteinander haben“ oder „Hast du eine Beziehung zu Jesus?“. – Durch diese Art der Sprache wird vermittelt: Kirche ist weiblich, intim, weich. Stell dir vor, zwei Motorradfahrer unterhalten sich: „Hey, Stefan, lass uns `ne Runde drehen, damit wir eine leidenschaftliche Beziehung aufbauen können.“ „Ja, Richie, ich will eine enge Beziehung mit dir genießen.“

Interessant, dass viele der neueren Lobpreislieder diese Atmosphäre verbreiten: „Ich liebe dich, ich brauche dich, ich lass dich nie mehr gehen. Mein Retter, mein Freund, der mir ganz nah ist …“ Was denkt ein männlicher Gast im Gottesdienst, wenn er ein Lied singen soll, in dem er als Mann einem anderen Mann, nämlich Jesus, ganz nahe sein soll? Das soll nicht heißen, dass Männer zu keinen innigen Gefühlen fähig wären. Es kommt darauf an, sie hier nicht zu überfordern. Die Körpersprache einiger Männer bei manchem Lobpreislied spricht Bände: Während seine Frau mit Inbrunst „Jesus, Lover of my Soul“ schmettert, sitzt er mit verschränkten Armen da und bewegt, wenn überhaupt, seine Füße zum Takt. David Murrow sagt dazu: „Weibliche Terminologie fließt von den Lippen derer, die zur Gemeinde gehen. Sie ist gespickt mit Anspielungen auf die Kommunikation, Unterstützung, Pflege oder Gemeinschaft.“ Damit haben sie erreicht, dass sich die Frauen in der Kirche wohlfühlen.

2. Die Gemeinde hat keinen Bedarf für „männliche“ Männer 


Männer haben es in ihren Jobs gelernt, die Dinge anzupacken, Probleme zu lösen, Vereinbarungen zu treffen und einzuhalten. In der Gemeinde bemerken sie jedoch, dass diese Fähigkeiten kaum gebraucht werden. Im Gegenteil. Hier geht’s drum, nett zu sein, nicht allzu sehr aufzufallen und bloß keinen Streit vom Zaun zu brechen. Außerdem erleben sie häufig, dass solche Fähigkeiten gefragt sind, die sie naturgemäß nicht so gut können: Kinder betreuen, nach dem Gottesdienst Kaffee ausschenken, zuhören können, Seniorenveranstaltungen durchführen. Manchmal hat man den Eindruck, dass männliche Männer eher Unbehagen auslösen als dass man sich über sie freut. Ihre Tatkraft und Zielstrebigkeit wird beargwöhnt oder gar als „ungeistlich“ abgestempelt, ihre Lösungsorientiertheit ist ungewohnt. So stört diese Art von Männern die unausgesprochene Übereinkunft mancher Gemeinde: Wir sind nett, wir sind gewissenhaft, wir sind unauffällig und lieb. Man redet lieber, als dass man die Probleme wirklich angeht und löst.

 

Gemeinde – auch für Männer!

„Der Mangel an Männern in der Kirche ist einer der wichtigsten Gründe für den Kirchenschwund … Wenn man auf lange Sicht eine gesunde Kirche bauen will, dann richte man sich auf Männer aus.“ (Murrow). – Aber wie geht das?

 

Männliche Elemente stärken


Stellen wir uns auf Männer ein, indem wir hoch emotionale Momente wie innige Lobpreiszeiten oder den berühmten „Friedensgruß“ am Ende eines Gottesdienstes („Wir reichen uns jetzt alle die Hände“) wohl dosieren und mit anderen Liedern oder Gesten ergänzen. Als Gegenstück zur Nähe und Beziehung sollten wir akzeptieren, dass Männer auch Distanz brauchen. Überfordern wir Männer nicht durch eine Sprache, die überwiegend von innigen Beziehungen redet. Wir könnten auch überlegen, wie z. B. eine Dekoration aussehen könnte, die Männer anspricht. Sicher gibt es auch Lieder, die vor allem Männer gerne singen. Wie müssten unsere Gebetstexte formuliert sein, um Männer innerlich zu bewegen? Oder noch banaler: Wie weit sollte der Abstand zwischen den Stühlen sein, damit sich Männer wohl fühlen?
Die männliche Seite von Christus zeigen
Jesus war nicht bloß der liebevolle und warmherzige Bruder und Freund. Er war Gottes Sohn, der mit dem unverschämten Anspruch kam, Gott zu sein. Jesus lässt uns nicht nur in seiner Liebe ruhen, sondern fordert uns auch heraus zu einem radikal anderen Lebensstil. „Komm, folge mir nach!“ ist kein bequemes Ruhekissen, sondern die ultimative Herausforderung zur Nachfolge.

 

Männern zeigen, dass sie erwünscht sind


Wie wäre es, wenn die Gemeinde den Männern zeigt, dass sie willkommen sind – ohne sich erst anpassen zu müssen? Wir brauchen Männer, die lösungsorientiert denken und handeln, damit wir nicht immer nur bei den Problemen verharren. Wir brauchen Männer, die die Dinge anpacken und auch zu einem guten Ende bringen. Wir brauchen Männer, die einem Streit nicht aus dem Weg gehen, damit Konflikte bereinigt werden und Versöhnung geschehen kann. Deshalb sollten Gemeinden froh sein, wenn Männer Aufgaben wahrnehmen, die nicht in das gängige Schema passen. Gemeinden könnten Aufgaben entwickeln, die Männern angemessen sind. Warum nicht einen diakonischen Zweig einrichten, wo handwerklich geschickte Männer älteren oder verarmten Menschen helfen?

 

Männer zu geistlichem Leben ermutigen


Männer müssen begreifen, dass geistliches Leben sich nicht im Besuch von Gottesdiensten oder im Singen gefühlvoller Lieder erschöpft. Nachfolge ist Leben mit Jesus mitten im harten Alltag. Da gilt es Kämpfe zu bestehen und Herausforderungen anzunehmen. Dazu braucht es ein fundiertes Wissen über Jesus, aber auch die Bestärkung, dass Jesus derjenige ist, auf den man sich verlassen kann, wenn´s hart auf hart kommt. Das sollten Männer entdecken, wenn sie Bibeltexte oder Predigten hören: Geistliches Leben ist eine Herausforderung für echte Kerle. Da geht’s um mein ganzes Leben: meinen Körper, meine Ängste, meine Fehler und Versuchungen, aber auch meine Erfolge und Leistungen. Ich denke, wir müssen den Männern klar machen, dass Jesus weder ein abgehobener Guru noch ein Super-Therapeut ist, der einfühlsam meine Dinge in Ordnung bringt, sondern der Sohn Gottes, der uns zum Leben ruft. Solcherart geförderte Männer werden in ihren Familien wieder neu geistliche Verantwortung übernehmen: Was kann ein Mann zur religiösen Erziehung beitragen? Ein Vater, der für sein Kind betet – und ihm das auch sagt. Ein Mann, der mit seinen Kindern in der Bibel liest und – wenn möglich – darüber diskutiert. Ein Großvater, der für seine Enkel ein geistlicher Ratgeber ist.

 

Jenseits der Klischees 


Klingt das nicht zu klischeehaft? Ist alles nicht viel komplizierter? Wer könnte denn genau definieren, wie ein „männlicher“ Mann oder eine „weibliche“ Frau zu sein hat? Es geht darum, wieder eine gute Balance zwischen „männlichen“ und „weiblichen“ Ausdrucksformen und Eigenschaften unserer Gemeinden zu entdecken. Richtig, in Jesus Christus sind wir alle eins. Was die Liebe Gottes zu uns betrifft, gibt es keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Doch Gott hat sich etwas dabei gedacht, als er Männer und Frauen unterschiedlich schuf. Falls es stimmt, was David Murrow recherchiert und entfaltet hat, werden wir uns auf den Weg machen müssen, um Gemeinde wieder zu einer Heimat auch für Männer werden zu lassen. Dabei können uns die Frauen wenig helfen. Aber sie werden uns auf diesem Weg gerne begleiten und ermutigen.

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