Politik und christliches Engagement?

© pict rider / fotolia.com

Politik und christliches Engagement?

Adam online: Sie sind als Theologe auch in der Politik, d. h. parteipolitisch aktiv. Eine ungewöhnliche Kombination …

Reinhold Reck: Nun, da ist zunächst zu sagen, dass ich derzeit nicht als Theologe arbeite und auch bei keiner Kirche angestellt bin. Dennoch gibt es für mich einen tiefen Zusammenhang: die biblische Gottesgeschichte ist eine durch und durch politische Geschichte. Es geht um Politik, nämlich um die Gestaltung der Gesellschaft, um Recht und Gerechtigkeit, um Frieden unter den Völkern, um die Bewahrung der Schöpfung, um Reichtum und Armut, um Umgang mit den Waisen und Witwen, um das Recht der Fremden.

Norbert Greinacher, ehemals Professor für Praktische Theologie in Tübingen, Sie werden ihn aus Ihrer Tübinger Studienzeit noch kennen, meinte einmal sinngemäß: „Jede christliche Gemeinde ist selbstverständlich auch eine politische Größe. Sie sollte sich aber hüten, parteipolitische Statements abzugeben.“ Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Ja, da hat Norbert Greinacher recht. Denn auch wenn eine christliche Gemeinde sich völlig unpolitisch verhalten wollte, gäbe sie damit ein politisches Statement ab: für die Beibehaltung der gegenwärtigen (Unrechts-)Verhältnisse. Unpolitisch zu sein erschiene mir daher für eine Christengemeinde völlig verfehlt. Ich erlebe auch die Stimme der Kirchen zu wichtigen politischen Fragen derzeit leider als kaum hörbar: zum Umgang mit Fremden, zur Rüstungsexportpolitik, zur sozialen Schere, zu den nationalistischen Tendenzen in unserer Gesellschaft. Kirchen und Gemeinden als ganze sollten sich zwar nicht parteipolitisch positionieren; auch da gebe ich Greinacher recht. Aber sie dürfen und sollen in einzelnen politischen Fragen Position beziehen, wo die großen biblischen Themen von Befreiung, Gerechtigkeit und Frieden berührt sind.

Sollten sich Christen auch politisch engagieren, vielleicht sogar parteipolitisch?

Selbstverständlich! Christinnen und Christen dürfen und sollen sich in politischen Feldern engagieren: in Initiativen und Bewegungen, in Parteien und gewählten Organen. Sicher ist es nicht Aufgabe und Berufung jedes Christen und jeder Christin. Aber unsere Demokratie eröffnet allen diese Möglichkeit – im Unterschied z. B. zu den gesellschaftlich oft marginalisierten Christgläubigen im römischen Reich –, und darum sollten wir sie auch nutzen. Wenn wir es nicht tun, dann tun es andere.

Es gibt in unserem Land eine starke Politikverdrossenheit, viele beteiligen sich nicht einmal an Wahlen. Fühlen sich viele durch unsere „Volksvertreter“ doch nicht mehr wirklich vertreten? Wäre das vielleicht gerade ein Grund, selber aktiv zu werden?

Mir scheint nicht, dass die Politikverdrossenheit in Deutschland größer ist als in vergleichbaren Ländern. Und mit 60-70% haben wir auf Landes- und Bundesebene immer noch vergleichsweise hohe Wahlbeteiligungen. Wer sich aber nicht gut vertreten sieht, kann etwas dagegen tun, indem er erstens zum Wählen geht und dann gegebenenfalls Parteien und KandidatInnen wählt, von denen er sich eine bessere Vertretung erhofft. Dennoch haben die Wählerinnen und Wähler in der Vergangenheit meist die Veränderung gescheut. Ein wichtiges Mittel gegen die Politikverdrossenheit wäre aus meiner Sicht noch die Einführung guter direktdemokratischer Verfahren auf Bundesebene (z. B. Volksabstimmung), wie sie im Grundgesetz Art. 20 (2) ja schon von Anfang an vorgesehen sind.

Politik, v. a. parteipolitisches Engagement, scheint mir immer noch primär eine Männerdomäne zu sein, obwohl wir eine Bundeskanzlerin und eine Verteidigungsministerin haben. Ist Politik Männersache? Wenn ja, wie erklären Sie sich das?

Nein, Politik ist nicht per se Männersache. Dass sie es in der Praxis häufig trotzdem ist, spiegelt eine gesellschaftliche Realität, die wir auch in anderen Bereichen haben. Da muss man sich nur die Besetzung der oberen Führungsebenen in Wirtschaft und Verwaltung anschauen. Die Ursachen sind sicher vielfältig und komplex, von entsprechenden Rollenbildern über die Organisation der Kinderbetreuung bis hin zu männlich geprägten Verhaltens- und Kommunikationskulturen im Politikbetrieb.

Vor den anstehenden Bundestagswahlen fragt man sich vielleicht: Sollte man einer kleineren Partei, deren Werte einem eher entsprechen, seine Stimme geben, obwohl sie doch keine Chance hat? Stärkt man so vielleicht indirekt gerade eine der größeren Parteien, die man nicht unterstützen wollte?

Hier sprechen Sie ein Problem unseres Wahlrechts an. Die 5%-Sperrklausel verletzt den Verfassungsgrundsatz der Gleichheit der Wahl, weil damit viele abgegebene Stimmen bei der Sitzverteilung nicht berücksichtigt werden. Es gibt zwar gute Gründe für und gute Gründe gegen eine solche Sperrklausel, die ich hier nicht diskutieren kann. Wenn man sich aber, wie es das Bundeswahlgesetz tut, für eine solche Sperrklausel entscheidet, dann müsste die damit einhergehende Verletzung der Gleichheit der Wahl ausgeglichen werden, soweit es irgend geht. Mit dem Konzept der Alternativstimme wäre das möglich: Wer eine Partei wählt, bei der die Überwindung der Sperrklausel unsicher ist, könnte auf dem Wahlzettel vermerken, welcher anderen Partei seine Stimme in diesem Fall zugute kommen soll. Leider verweigern die großen Parteien bisher eine entsprechende Änderung des Wahlgesetzes.
Dennoch meine ich, dass man immer die Partei wählen sollte, von der man seine eigenen Überzeugungen am besten repräsentiert sieht. Anderenfalls hat eine kleine Partei fast keine Chance, jemals größer zu werden und den Sprung ins Parlament zu schaffen, so dass das Parteiensystem weitgehend erstarrt.

Wer also eine Veränderung der Politik will, muss anders wählen. Wer so wählt wie bisher, wird auch dieselbe Politik wie bisher bekommen.

Die Parteienlandschaft ist recht unübersichtlich geworden, finde ich. Wer macht sich schon die Mühe, vor einer Wahl alle Parteiprogramme zu studieren! Was halten Sie vom „Wahl-O-Mat“, der einem die Entscheidung leichter machen soll?

Der Wahl-O-Mat kann eine gute Hilfe zur ersten Orientierung sein; er hat aber auch seine Tücken. So kann man nur maximal acht Parteien auswählen, die verglichen werden sollen. Und das Ergebnis wird auch durch die vorgegebenen Fragestellungen bestimmt. So werden beim Wahl-O-Mat zur aktuellen Bundestagswahl Themen, die aus Sicht meiner Partei, der ÖDP (Ökologisch-demokratische Partei), einen hohen Stellenwert haben müssen, zu wenig berücksichtigt: Ökologie, Bildungspolitik, Familien- und Rentenpolitik.

Der Wahl-O-Mat kann also helfen, sich im Dickicht der Parteiprogramme zu orientieren. Es handelt sich aber um eine Maschine, bei der hinten nur herauskommen kann, was vorne an Fragen und Antworten eingespeist wurde. Ich würde daher das Ergebnis immer noch einmal unter die Lupe nehmen, ob es wirklich zu mir und meinen Überzeugungen passt.

Eine ganz praktische Frage zum Schluss: Wie sollte man sich auf die bevorstehenden Bundestagswahlen vorbereiten?

1. Sich über die eigenen politischen Werte und Grundüberzeugungen Rechenschaft geben. 2. Sich dann die Konsequenzen aus diesen Grundüberzeugungen für politisches Handeln überlegen. 3. Schließlich schauen, von welchen Parteien und KandidatInnen die Umsetzung dieser Politik am ehesten zu erwarten ist. Dabei kann ein Blick in die Parteiprogramme helfen. Oder der Wahl-O-Mat. Gerade bei Parteien, die schon Regierungsverantwortung haben oder hatten, würde ich aber vor allem auf das bisherige bzw. frühere Regierungshandeln schauen.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
2 Comments
Oldest
Newest
Inline Feedbacks
View all comments
Reichelt
Reichelt
4 Jahre zuvor

Für einen Christen geht es nicht um die „Gestaltung der Gesellschaft“ , sondern um Heiligung. Ein neuer Mensch wirkt durch sein Wesen verändernd auf sie. Das ist ergibt sich ganz natürlich. Aber leider nehmen Christen anstatt sich zu heiligen alles andere wichtiger!

Rolf-Dieter Braun
Rolf-Dieter Braun
4 Jahre zuvor
Reply to  Reichelt

Für einen Nachfolger Jesu Christi geht es darum, dass das geschieht, was Gott will. Neutestamentlich formuliert: Es geht ihm um die „basileia tou theou“, also die „Königsherrschaft Gottes“. Also geht es ihm um Heiligung und um „Gestaltung der Gesellschaft“ – und um vieles anderes, was Gott will.