Mit Unzulänglichkeit umgehen

Unzulänglichkeit
© Myriams-Fotos / pixabay.com

Mit Unzulänglichkeit umgehen

Auf seiner Lebensreise begegnet man(n) unweigerlich dem Thema „Unzulänglichkeit“. Nehmen wir zum Beispiel Dieter (Namen, Orte und Zeiten wurden zum Schutz geändert):

Gezeugt wurde er unter unzureichender Verhütung in einem Heustadel, nachdem seine Eltern sich auf einem Dorftanzfest kennengelernt hatten; daher wollte sein Vater, dass er abgetrieben werde – dass er dennoch lebt, verdankt er der Sturheit seiner Mutter und empfindet es als große Gnade. Als uneheliches Kind war er aber eine Schande für die katholisch geprägte Verwandt- und Nachbarschaft; aus Protest heiratete sein Vater seine Mutter dann evangelisch.

Außenseiter 

Aufgewachsen ist er in den Nöten einer Nachkriegs- und Flüchtlingsgeneration. Für die Aufnahme in den Kindergarten reichte es finanziell nicht und außerdem genügte er als evangelisch getauftes Kind dem damaligen religiösen Standard der katholischen Gegend nicht.

In der Schule war er zunächst nicht besonders gut – wiederum genügte er nicht: weder den Erwartungen seines Vaters noch jenen der Lehrer; in der Zeit nahm er zum ersten Mal dieses seltsame Gefühl in sich wahr: er schämte sich und hätte sich am liebsten verkrochen. Das war nicht attraktiv und so wurde er zu einem Außenseiter; als Ausweg aus diesem Dilemma bot sich ihm nur die Schönrednerei, die Aufschneiderei, gekonntes Storytelling – er wurde ein ausgeklügelter Lügner und Blender.

Mangelndes Selbstbewusstsein

An väterlicher Unterstützung und Zuneigung fehlte es; an Strafandrohungen, tatsächlichen erniedrigenden Bestrafungen und „Angstmache“ hingegen nicht. Im Alter von 12/13 Jahren war er ein ängstliches, verhuschtes, verunsichertes und zurückgezogenes Kind, das kaum Freunde hatte und nur mit jüngeren Kindern spielte – die waren nicht gefährlich, die konnten ihn noch nicht durchschauen und kauften ihm seine aufgesetzten Gesichter und Heldengeschichten wohlwollend ab. Innerlich aber kochte er vor Wut. Dann starb sein Vater. 

Scham trotz Annahme 

Durch die Begegnung mit Jesus lernte er Gott als „Vater für die Vaterlosen“ kennen; er erlebte Liebe, Annahme und Vergebung, aber er schämte sich immer noch. Obwohl er wusste, dass er vor Jesus und dem Vater im Himmel eh nackt und bloß da stand, schämte er sich seiner Schande und vor allem seiner Unzulänglichkeiten.

Scheitern als Ehemann und Vater

Als Ehemann empfand er sich seiner Frau oft nicht gewachsen, als Vater erst recht nicht: Bei seiner Tochter fehlte ihm das eine oder andere mal die Geduld, das Geschrei auszuhalten. Nach einer Herz-OP hatte er oft nicht mehr ausreichend Energie, um mit seinen Kindern so zu toben, wie sie es gebraucht hätten. Ihm ging die Puste aus – was für ein demütigendes Gefühl!

Trotz aller Arbeit und Mühe gab es immer wieder Zeiten, wo das Geld nicht reichte – beschämend, wenn man als Ehemann und Vater seine Familie nicht versorgen kann. Dann geschahen sexuelle Übergriffe auf seine Frau und seine Tochter; er konnte nicht einmal seine geliebten Frauen schützen.

Im Beruf begegnete ihm das gleiche Gefühl: Unzulänglichkeit. Diese unrühmliche Perlenkette könnte noch eine ganze Weile fortgesetzt werden …

Sich verstecken 

Mit Schande, Scham und Schmach kennt sich Dieter aus. Man(n) tut alles, um es nicht sehen zu müssen oder gar einen anderen es sehen zu lassen. Darum versteckt man(n) sich lieber, knöpft sich zu – nicht nur vor Gott, sondern auch vor Menschen. Man(n) möchte nicht, dass die Unzulänglichkeiten ans Licht kommen. Lieber zurück ziehen und ein abgespaltetes Leben führen, getrennt von den anderen – oder zeitversetzt: Dann wird die Nacht zum Tag und der Tag zur Nacht.

Man(n) versucht, sich selbst und alle anderen zu überzeugen, dass man(n) schon irgendwie O.K. ist. Schlimmstenfalls macht man(n) andere zu „Nicht-O.K.“ So können wir uns dann denken: „Du bist O.K., weil du ja nicht der andere bist.“ Wie geschickt wir uns und alle anderen belügen können! Wir erklären einfach unser Ding zum richtigen Ding oder gar zum einzig wahren Ding.

Scham ist auch die Quelle von falschem Stolz. Mit irgendetwas muss das Versagen ja übertüncht werden. Alles aber, was man(n) vorgibt zu sein, erfüllt sich nicht. Was für ein Kampf! Was für ein Krampf! Und zugleich schwillt die Angst ins Schreckliche: dass die Wahrheit doch entdeckt und aufgedeckt wird.

Wie anders ist da Jesus, der echt, ehrlich und authentisch war und ist. Ohne schlechtes Gewissen vor Gott, sich selbst und anderen. Überall konnte er hingehen und frei reden, ohne die geringste Angst davor, dass irgendwelche Lebenslügen entlarvt werden könnten!

Vaterwunden

Nach über vierzig Jahren hat sich in Dieter etwas geändert. Begonnen hat der Prozess letztes Jahr. Dieter musste sich eingestehen, dass er von Gott abfallen werde, wenn nicht etwas passiert. Also kam er zu mir in die Seelsorge und entblößte seine Not. Unweigerlich stießen wir auf das Thema „Vaterwunden“ und wie so etwas wieder heil werden kann. In zahlreichen Gesprächen hat sich Dieters Gott-Verständnis wie auch sein Selbstverständnis gewandelt. Ihm ist klar geworden, dass Menschsein Unzulänglichkeit bedeutet – sonst wären wir Götter.

Nachfolgend ein paar Bibelstellen, die Dieter neu bewusst und wichtig geworden sind:

  • „Wir sind alle Sünder und langen nicht hin an das Ansehen, das wir bei Gott haben sollten“ (Röm 3, 23)
  • Dennoch haben wir ein Gratis-Ticket bekommen heraus aus Scham und Schande, denn „jetzt werden wir ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist“ (Röm 3, 24)
  • Durch Jesus genügen wir vor „Papa-Gott“ (wie Dieter ihn jetzt im Gebet anspricht)
  • Denn die Gerechtigkeit, die vor Gott zählt, ist nicht etwas, das er getan oder nicht getan hat, sondern etwas, das ’Papa-Gott’ für ihn getan hat durch seinen Sohn Jesus – weil es NOT-wendig war
  • Alles, was Dieter tun musste und auch weiterhin tun muss, ist aufrichtig und ehrlich werden – vor Gott, sich selbst und anderen – und es bleiben

Was Glaube ist

Glaube bedeutet ja nicht, sich so lange vor Gott zu verstecken bis wir uns nicht mehr nackt und bloß fühlen und uns nicht mehr schämen. Glaube bedeutet auch nicht, etwas vorzeigen zu können, worauf Gott (bzw. wir) stolz sein könnten, sondern Glaube bedeutet: in demütiger Echtheit und Zerbrochenheit zu „Papa-Gott“ zu kommen – mit all unseren Versagen und Unzulänglichkeiten; mit aller Scham, Schmach und Schande; mit allen Nöten und ihn zu bitten, dass er uns wieder heilt.

Würde statt Scham

Zerbrochen sein bedeutet Tod für den strahlend geputzten Panzer unserer äußerlichen Fassade und Leben für den Samen, den Gott in unser Inneres hinein gehaucht hat. Wir müssen nicht erst richtig werden, um zu „Papa-Gott“ kommen zu können. Wir müssen echt werden: „So spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.“ (Jes 57, 15)

Dank Jesus geht es nicht um das, was wir tun oder nicht tun. Denn „wollen täten wir wohl, aber das Gute vollbringen können wir nicht“ (Röm 7, 18) wegen unserer Unzulänglichkeit. Es geht um das, was Gott für uns getan hat und immer wieder tut, weil wir es mehr als dringend brauchen: nämlich Erlösung und Heilung.

Darum sandte der Vater seinen Sohn: Damit wir aufhören, uns etwas vorzumachen und stattdessen wahr werden mit unserem Nicht-Genügen, um dann mit Jesus vor ’Papa-Gott’ unsere Schmach und Schande auszubreiten. Dann begegnet uns Gnade, dann stattet der Vater uns mit neuer Würde aus und wir brauchen uns nicht mehr zu schämen. Heute weiß Dieter – und ich auch – um menschliche und männliche Unzulänglichkeit. Und wir beide versuchen, aufrichtig und ehrlich dazu zu stehen, sie vor Gott auszubreiten und Trost und Heilung zu finden. „Als ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht. Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.“ (Ps 34, 5+6)

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