Ein toller Mann der zweiten Reihe

Bild von John Hain auf pixabay

Ein toller Mann der zweiten Reihe

Es sind oft die Menschen in der zweiten Reihe der Bibel, die mich faszinieren: Jitro bei Mose, Josef bei Maria, die Verbrecher am Kreuz bei Jesus. Menschen, die einen kurzen Auftritt in der Bibel haben, dann wieder scheinbar sang- und klanglos verschwinden, aber ungemein wichtig sind für die Geschichte, die Gott mit uns Menschen und seinem Volk schreibt, so auch Boas bei Ruth.

Die Geschichte von Ruth im gleichnamigen Buch des Alten Testaments ist schnell erzählt. Noomi zieht mit ihren Söhnen und ihrem Mann wegen einer Hungersnot aus ihrer Heimat weg, in der Ferne sterben der Mann und die Söhne, sie bleibt mit ihren Schwiegertöchtern allein. Eine Schwiegertochter, Ruth, begleitet sie zurück in die Heimat nahe Bethlehem, die andere Schwiegertochter bleibt zurück. Dort verdingt sie sich als Ährenleserin auf den Feldern, wo sie einem nahen Verwandten, Boas, auffällt. Als Noomi ein Grundstück ihres Mannes an den zunächst berechtigten Verwandten verkaufen will, lehnt dieser ab, da er nicht auch noch Ruth als Frau dazu haben wollte. Somit kauft Boas den Acker und nimmt Ruth zur Frau, die ihm einen Sohn schenkt, der der Großvater König Davids und damit quasi der Ururur…-Großvater von Jesus werden wird. 

Merkmale von Boas

Schauen wir uns nun diesen Boas etwas genauer an. Was zeichnet ihn aus, wo können wir von ihm lernen?

Verbindlich im Wort

1. Er geht zu seinen Leuten, kennt seine Mitarbeiter und übernimmt Verantwortung für die Menschen, die ihm anvertraut sind. Er strahlt offenbar eine natürliche Autorität und Souveränität sowie Großzügigkeit aus, die es ihm möglich macht, Ruth einerseits genügend Ähren zukommen zu lassen, andererseits sie von den Arbeitern und ihren Gelüsten zu schützen. Wer ist eigentlich uns anvertraut? Ehepartner, Kinder, Eltern, Arbeitskollegen, Freunde?

Verlässlich in der Haltung

2. Boas hält sich an Gesetze, sucht nicht den eigenen Vorteil. Er hält sein Wort und ist verbindlich – Werte, die uns alle auszeichnen sollten. Ohne jeden Gesichtsverlust hätte er Ruth als Sklavin halten können, als billige Arbeitskraft und für sein männliches Wohlergehen. Nein, er ging den sauberen Weg – schwierig, aber möglich?

Verantwortlich im Handeln

3. Er handelt und zögert nicht, wenn es dran ist: Kein Abwägen, kein Aussitzen, keine Ausreden, kein billiger Kompromiss. Ganz oder gar nicht! Er handelt. Gott liebt und beruft Männer, die handeln. Aber – er lässt uns Männer auch warten. Gott schenkt uns Vorbereitungszeit, auch wenn wir es oft als vertane Zeit interpretieren: Zeit, in der wir reifen und Gott uns formt. Ein David, ein Abraham, ein Mose – sie alle brauchten Jahre und Jahrzehnte der Vorbereitung auf ihren Auftrag. Nur dann, wenn es so weit ist, sollten wir auch handeln, sofort und ohne Zögern.

Als Beispiele fallen mir da der Kauf des Ackers mit dem Schatz ein oder der Trainer Hansi Flick, der Jahre lang nur Zweiter war, aber dann, als es darauf ankam, sofort Verantwortung übernommen hat und gehandelt hat. Oder aktuell der Präsident der Ukraine, Wladimir Selensky! Kein Handeln ohne Übernahme von Verantwortung. Oder um es mit Martin Luther King zu beschreiben: Die wahre Größe eines Menschen zeigt sich nicht in den Momenten der Bequemlichkeit, sondern in Zeiten der Herausforderung und Kontroversen.

Vorausschauend

4. Er denkt über sein Leben hinaus an die folgenden Generationen, bekommt einen Sohn und sichert so den Fortbestand seiner Familie. Er musste nicht erst nachdenken, er hat seinen Gott gekannt und hat das Zeitfenster, das Gott ihm geöffnet hat, genutzt. Im übertragenen Sinn: seine Arche war gebaut!

Deine Arche?

Was oder wo wäre unsere Arche? Es ist oft sehr bedrückend, Menschen am Ende ihres irdischen Weges zu sehen, wohlhabend, aber dann doch auf ihrem letzten Weg allein, nicht wissend, was mit dem Erbe eigentlich passiert. Niemand, der sich an einen erinnert. 

Wie Boas werden

Eigentlich könnte diese Betrachtung jetzt zu Ende sein, wenn wir alle so integer leben würden wie Boas: 

Verbindlich im Wort, 

verlässlich in der Haltung, 

verantwortlich im Handeln, 

vorbereitet, für das, was kommt,

vorausschauend auf die nächste(n) Generation(en) und die Ewigkeit!

Aber leider sind wir alle kein Boas 2.0! Wie können wir, wenn wir es wollten, uns Boas und seinem Charakter und seiner Persönlichkeit nähern? Warum sind wir bislang kein Boas geworden? Was fehlt uns, so zu werden wie er? Welche Gründe hindern uns, es ihm gleich zu tun?

Fehlende Väter

Ich bin überzeugt, dass ein Vater auf die eigene Männlichkeit den größten Einfluss hat, zum Beispiel auf Beziehungsfähigkeit, Eigenständigkeit und auf das Selbstbewusstsein. Er prägt damit auch unsere Beziehung zu Gott, unserem himmlischen Vater!

Männer brauchen in jungen Jahren Vorbilder. Leider ist eine ganze Generation von jungen Männern aufgewachsen, die keinen oder einen traumatisierten und kriegsversehrten Vater hatte, meist kein Vorbild. Viele nach weltlichen Maßstäben erfolgreiche Männer sind auch oder nur deshalb so erfolgreich, weil sie meinen, ihrem Vater, auch wenn er vielleicht schon lange verstorben ist, etwas beweisen zu müssen. Kein Lob, kein „ich bin stolz auf dich“, kein „gut gemacht“ in der Erziehung, stattdessen Druck, Nichtbeachtung, fehlende Anerkennung. Wie viele Männer arbeiten sich auch im höheren Lebensalter noch an ihren Vätern ab, ohne je mit ihnen versöhnt zu sein.

Oder es gab keinen Vater, der hätte Vorbild sein können? Kein männliches Pendant, von dem man lernen konnte? Oder die berühmten falschen Vorbilder scheinbar richtiger Männlichkeit? Meist dann aber in Kombination mit Alkohol und / oder Drogen, Kriminalität, sexuellen Eskapaden. Wenigstens das Gefühl zu haben, dazu zu gehören, anerkannt zu werden, nicht immer der Looser sein.

Wer hat mich geprägt?

Es lohnt sich also, sich einmal Gedanken zu machen, welche Männer mich in jungen Jahren im Guten wie im Schlechten geprägt haben. Welche Sätze, welche Taten, welche Lebensweise hat mir imponiert oder mich abgestoßen? 

Welches Erbe hat mein Vater mir hinterlassen? Habe ich wie Jakob jemals den Segen meines Vater bekommen? Bin ich der geliebte Sohn, der es drauf hat? Habe ich meine eigenen Kinder und Söhne gesegnet? 

Letztendlich ist das Neue Testament, aber auch das Alte Testament eine Vater-Sohn-Geschichte! 

Lassen Sie mich einige Überlegungen zum Thema Männlichkeit anstellen, die mir persönlich in den letzten Jahren immer wichtiger geworden sind: 

Merkmale von Männlichkeit 

1. Wem will oder muss ich etwas beweisen? Was treibt mich eigentlich an? Für wen nehme ich Mühen auf mich? Muss es noch der nächste Karriereschritt sein? Noch ein neues Auto? Welche Rolle nahm mein Vater ein, welche Rolle nehme ich ein, wenn ich Kinder, vor allem Söhne habe? 

Wie gut, dass wir alle einen himmlischen Vater haben, der uns immer wieder liebevoll daran erinnert, dass wir in seinen Augen einzigartig und unendlich wertvoll sind!

2.  Welche Rollen will oder muss ich derzeit erfüllen? Als Ehemann, Vater, Sohn,  Arbeitnehmer, Arbeitgeber, im Ehrenamt …

3.  Betrauern von geplatzten Lebensträumen oder Zielen – auch das gehört dazu, wenn wir unser Leben reflektieren und uns kritisch unserer bisherigen Biografie stellen. Wir dürfen trauern und wütend sein, wenn sich Lebensträume nicht erfüllen, wenn Ziele nicht erreicht werden, wenn falsche Entscheidungen getroffen wurden. Wir dürfen dazu stehen, wenn wir falsch abgebogen sind. Wir dürfen trauern, wenn manche Vorstellungen und Wünsche im Leben sich nicht mehr realisieren lassen. Wir dürfen trauern um vergebene Chancen. Nur – wir dürfen es nicht schönreden oder vertuschen! Gott vergibt nur, wenn wir bekennen! Gott schenkt nur Neuanfang, wenn wir vorher reinen Tisch machen, vor ihm und dem Nächsten.

4.  Was will ich als Erbe hinterlassen? Wie soll man sich an mich erinnern?

Echte Kerle sind einfach Männer wie Boas – Männer wie du und ich, die auf Gott hören, Verantwortung übernehmen, in Treue zu Gott und den Menschen warten können, die sich durch Gott vorbereiten lassen, die verbindlich und verlässlich sind, die handeln, wenn es dran ist und damit Gottes Willen tun. So will ich werden oder es zumindest versuchen!

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Matthias Herrmann
2 Jahre zuvor

Vielen Dank für den guten Artikel.
Ich schließe mich dem an:
So will ich werden oder es zumindest versuchen!