Zurück zum Urtrieb

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Zurück zum Urtrieb

Seit einiger Zeit habe ich ein paar Veränderungen bei meinem Mann beobachtet. Seltsames geht da vor. Er verbringt weniger Zeit am Computer. Das war zunächst ungewöhnlich und beunruhigend.

Statt sich PC-Spielen und dem Internet zu widmen, brütet er neuerdings über Büchern. Nicht nur eines, gleich mehrere Bücher hat er sich zugelegt. Sie heißen etwa „Welcher Pilz ist das“ – mit vielen Bildern und Beschreibungen.

Dass Männer in Urzeiten als Jäger und Sammler durch die Lande zogen, ist bekannt. Mir schwant, dass dieser Urtrieb von damals nun meinem Mann umtreibt. Stundenlang durchkämmt er Wälder auf der Suche nach Pilzen. Ich kann mich noch gut an unser erstes gemeinsames Pilzgericht erinnern – ein buntes Sammelsurium von Waldpilzen. Nach dem Abendessen machte sich ein komisches Gefühl in der Magengegend breit, und mir wurde etwas schwindlig. Meinem Mann hingegen ging es prächtig.

Nun wachsen Pilze ja nicht das ganze Jahr hindurch. Seine Veränderung zum Frischluftfanatiker hätte hier nun zu Ende sein können. Statt in den pilzlosen Zeiten jedoch wieder zum Computer zurückzukehren, kramte mein Mann seine verstaubte Angelausrüstung aus dem Keller und ließ seinen Angelschein erneuern. Das war noch beunruhigender. Angler fand ich immer komisch: seltsame Typen, die stundenlang schweigend am Wasser sitzen, und über der Angel brüten. Einfach seltsam – dachte ich.

Bis mein Mann während eines Urlaubes in Neuseeland die größte Regenbogenforelle aus dem Wasser zog, die dort in der Gegend bislang gefangen wurde. Allen anderen fielen vor lauter Neid schier die Ruten aus der Hand, als er mit dem Monsterfisch auftauchte. Plötzlich war ich stolz wie Oskar. Noch nie hatte ich in meinem Leben so einen zarten, leckeren Fisch gegessen!

Nach diesem Erfolgserlebnis war es mit den Pilzen erstmal vorbei. Der Sammler wurde zum Jäger. Statt mit Korb in den Wald, ruderte mein Mann während der restlichen Sommertage in aller Herrgottsfrühe mit dem Boot auf den See. „Und, hast du etwas gefangen?“, fragte ich ihn, als er nach Hause kam. Die Frage hätte ich mir sparen können, sein Gesicht sprach Bände. Es läge an der Angel und den falschen Ködern, erfahre ich.

In den kommenden Wochen klingelte es fast täglich gegen elf Uhr bei uns an der Tür. Der Postbote brachte Pakete: Angelruten, Köder, Schwimmer, Schnüre. Was soll ich sagen? Es klappte tatsächlich. Während seiner nächsten Angeltrips kam er mit reichlich Beute nach Hause, sodass wir sogar Fische verschenken mussten.

Habe ich vorhin erwähnt, dass ich Angler komisch fand? Mit der Veränderung meines Mannes haben sich auch ich und meine Sichtweise geändert: Jäger und Sammler sind klasse! Ich bin stolz auf meinen Mann. Zusätzlich zum PC kennt er sich jetzt in der Natur aus, und er bekocht mich mit herrlichen Pilzgerichten und fangfrischen Fischen.

Und noch etwas hat diese Veränderung mit sich gebracht: Er ist viel ausgeglichener als zu den Zeiten, während er abends am Computer saß. Ist wohl doch was dran an dem Mythos des „echten“ Kerls, der Wind und Wetter trotzt. Vielleicht sind Wind und Wetter ja die idealen Ruhepole für den überarbeiteten Mann? Mir jedenfalls schmeckt diese Veränderung; in doppelter Hinsicht.

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