Das unterdrückte Kämpferherz

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Das unterdrückte Kämpferherz

Vor ein paar Jahren las ich in der WELT einen Artikel, der mich zum Nachdenken brachte. Der Titel des Artikels lautete „Jungs von heute – verweichlicht und verweiblicht“. Beschrieben wird, wie unsere zumeist weiblich dominierte pädagogische Welt, also die Erziehung durch Kindergarten, Grundschule etc., den Jungs „männliche“ Eigenschaften abzugewöhnen versucht. „Toben, Lärm, Krach, kaputte Gegenstände, Rangeln und Hauen“ werden durchweg als negativ angesehen, und der Junge wird zum Problemkind deklariert.


Jesus – unser lieber, gütiger Freund


Wenige Wochen später saß ich im Gottesdienst. Es ging um Jesus, unseren besten Freund. Jesus mit dem Schäfchen auf dem Arm. Ein lieber, besonnener, ruhiger Mann. Jesus, unser Vorbild.
War Jesus so? Mit Sicherheit, aber es ist nur eine Seite von ihm, die hier betrachtet wird. Auch in unseren christlichen Kreisen hat viel zu häufig das Bild Einzug gehalten, dass man als guter christlicher Mann ruhig, gelassen, gütig, hilfsbereit, liebevoll und fürsorglich sein muss. Ist Aggression somit unchristlich?

Jesu Zorn und Wut

Szenenwechsel. Ich stehe in Jerusalem. Um mich herum sind große Massen von Touristen. Alles ist laut und etwas hektisch. Nun stehe ich vor den übrig gebliebenen Stufen, die zum Tempel geführt haben. Ich denke über die Begebenheit dort am Tempeleingang nach, von der alle vier Evangelien (Mt 21,12-13; Mk 11,15-18, Lk 19,45-48; Joh 2,13-17) berichten. Es wird darin von einem zornigen, gewalttätigen Jesus berichtet, den man heute sicherlich als Mann wahrnehmen würde, der sich nicht unter Kontrolle hat.

Heiliger Zorn


Und doch ist etwas am Zorn Jesu anders als bei gewöhnlicher Aggression. Jesus handelt nicht unüberlegt und unkontrolliert. Seine Aggression entsteht aus einer tiefen Trauer heraus, wenn Menschen Gott nicht begreifen wollen oder können. In Jesus erkennen wir einen Gott, der nicht den affektlosen Bildern der alten Griechen entspricht, sondern Gefühle hat. Jesus ist nicht der zahme Mann, der im Gegensatz zu dem rachsüchtigen Gott des Alten Testaments steht.


Ebenbilder Gottes


Gott schuf uns als seine Ebenbilder. So wie andere Fähigkeiten legte er auch die Fähigkeit zum heiligen Zorn in uns hinein. Die so oft verpönten „männlichen“ Eigenschaften wie das Rebellische, Kämpferische und Aggressive sind keinesfalls negative menschliche Charakterzüge. Sie spiegeln Gottes Wesen wider. Sie zu verleugnen würde bedeuten, eine Seite Gottes zu ignorieren. Gesund gelebte und überlegte Aggression ist eine Antriebskraft, die dem Raum gibt, was sonst untergehen würde.

Missionar mit Kämpferherz

Vor einigen Jahren habe ich einen Mann kennengelernt, der eine sehr raue Art hatte. Hätte man nur auf seine Gestikulation, Mimik und die Laute beim Reden gehört, hätte man vor seiner zornigen Art zurückschrecken können. Das, worüber er sprach und was ihn so sehr aufregte, geschah jedoch aus tiefster Liebe. Sein Herz war gebrochen für die Menschen in Entwicklungsländern, die ausgebeutet werden. Er verurteilte niemanden, war jedoch im Allgemeinen zornig darüber, wie sich die Welt entwickelte. Hätte er nur Zorn empfunden und über die Welt geschimpft, so hätte seine Aggression keine guten Früchte getragen. Er jedoch, getrieben von diesem Zorn und der Liebe für die Menschen, ging als Missionar in verschiedene Länder und baute viele gute Projekte auf. Getrieben von seinem gebrochenen Herzen für die Armen und motiviert durch seine Aggression und den Wunsch, etwas zu verändern, bekam er ein Kämpferherz und ließ sich von Gott gebrauchen. Seine Art wirkt vielleicht zunächst rau, gewaltvoll und kühl. Was seine Aggression jedoch von einer negativen Aggression unterscheidet, ist, dass sie gute Früchte trägt. Er setzt Dinge kraftvoll durch, geht jedoch über keine Leichen.

Zurück zu den Kindern. Wollen wir wirklich Männer heranwachsen sehen, die Aggression nicht von Gewalt trennen können und zwanghaft versuchen, ruhig zu bleiben, obwohl ein Kämpferherz in ihnen schlummert? Junge Männer, die von Angst geprägt sind und denen es an Zielstrebigkeit fehlt, da ihre Antriebskraft von klein auf unterdrückt wurde?

In unserer pädagogischen Welt braucht es die Väter und Vorbilder, die unsere Jungen an die Hand nehmen, ihnen zeigen, dass sie Helden sind und ihre Andersartigkeit nicht besser oder schlechter, sondern von Gott genauso gewollt ist.

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